Der Forschungsstand ebenso wie das Nachdenken über die Beurteilung und die Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen ist kein abgeschlossener Prozess. Die heute für die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Tätigen und viele ihrer Wegbegleiter befinden sich in fortdauernder Reflexion dazu. Auch von einzelnen Dritten werden Fragen an die Stiftung gestellt bezüglich der Biographie Alfred Toepfers, bezüglich der Geschichte der Stiftung und – vereinzelt – auch bezüglich der Unabhängigkeit des Prozesses der historischen Aufarbeitung. Die Stiftung begegnet diesen Fragen mit Offenheit, unterstützt Forschungsinteressen mit Zugang zu historischen Quellen und ist bemüht ein hohes Maß an Transparenz über offene Fragen und strittige Bewertungen herzustellen. Es ist uns ein dringliches Anliegen, die Tätigkeiten des Stifters weder zu relativieren noch zu verharmlosen und allen Interessierten die Kenntnisnahme der Geschichte und eigene Bewertungen zu ermöglichen. 

Als Ausgangspunkt für die weitere Arbeit der Stiftung sieht diese zunächst die Notwendigkeit, verschiedene im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung ermittelten Tatsachen ausdrücklich und transparent anzuerkennen und potenzielle Kooperationspartner darauf zu verweisen. Hierzu gehören irritierende Fakten zu Toepfers Unterstützung für einzelne Zielsetzungen, Personen und Organisationen des nationalsozialistischen Regimes wie auch zu personellen Kontinuitäten in der Nachkriegszeit. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zu nennen:

  • seine Sympathie und seine aktive Unterstützung für die “Volkstumspolitik” des “Dritten Reichs”, besonders mit Blick auf die deutschen Minderheiten „an den Grenzen des Reiches“, sowie seine Unterstützung deutsch-nationaler Aktivitäten im Elsass
  • sein intensives Bemühen um Kontakte zu einzelnen führenden Repräsentanten des Nazi-Regimes, darunter Rudolf Heß, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler sowie verschiedenen weiteren Funktionsträgern
  • seine Zusammenarbeit mit – und Unterstützung für – kulturelle Aktivitäten und Prioritäten des Nazi-Regimes, insbesondere durch die regimekonforme Ausrichtung von Kulturpreisaktivitäten sowie hiermit in Zusammenhang stehende Stipendien
  • seine Unterstützung für Organisationen, die entweder dem Nazi-Regime eng verbunden oder gar integraler Bestandteil des Regimes waren, wie etwa dem VDA, dem Toepfer das Landgut Kalkhorst der Stiftung F.V.S. als „Reichsführerschule“ zur Verfügung stellte
  • seine Rolle als Wehrmachtsoffizier in der Abwehr von 1940 bis 1945, hier insbesondere seine wirtschaftlichen Bemühungen, in Frankreich in den Jahren 1943/1944 kriegswichtige Mittel für Deutschland zu mobilisieren
  • individuelle Transaktionen von Tochterfirmen des Toepfer Konzerns im besetzten Polen während des zweiten Weltkrieges, die Lebensmittel und Baustoffe an die Ghettoverwaltung von Lodz lieferten. Die von dem Historiker Dr. Christian Gerlach im Zuge der historischen Aufarbeitung der Stiftungsgeschichte publizierte Vermutung, in diesem Zusammenhang gelieferter „Löschkalk“ sei für die Abdeckung von Massengräbern der im Ghetto ermordeten Menschen genutzt worden, hat sich durch weitergehende Forschung zwischenzeitlich als unzutreffend erwiesen 
  • die Einstellung – und damit Unterstützung – von zum Teil hochrangigen ehemaligen Funktionsträgern oder Unterstützern des Nazi-Regimes in seinen Unternehmungen nach Kriegsende, von denen einige maßgebliche Verantwortung für die Organisation und Durchführung des Holocausts in Ost- oder Südosteuropa trugen, darunter Edmund Veesenmayer, Kurt Haller, Hans Joachim Riecke
  • seine langjährige Zusammenarbeit und Arbeitsbeziehungen in seiner Stiftungsarbeit mit weiteren Funktionsträgern und Wissenschaftlern, die in unterschiedlichen Formen oder durch verschiedene Aktivitäten das Nazi-Regime, seine militärischen Aggressionen wie auch seinen grausamen Rassismus während der Zeit des „dritten Reichs“ unterstützt oder gerechtfertigt haben wie zum Beispiel Konrad Henlein, Gustav Adolf Rein, Friedrich Metz, Johann Friedrich Blunck oder Georg Rauschning
  • seine Unterstützung für oder Duldung von Preiszuerkennungen seiner Stiftungen nach dem zweiten Weltkrieg an Menschen, die das Nazi-Regime während der Zeit des „Dritten Reichs“ entweder aktiv unterstützt oder gerechtfertigt haben.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind für die Stiftung und die dort Tätigen heute umso irritierender, als dass Toepfer nach dem Zweiten Weltkrieg, wie viele seiner Generation, nie öffentlich seine eigenen Verstrickungen in dieser Zeit oder der Nachkriegszeit thematisiert oder gar eigene Schuld oder persönliche Fehler eingestanden hat. Vielmehr hat Toepfer zu verschiedenen Gelegenheiten eigene Verstrickungen von sich gewiesen und Aspekte seiner Biographie auch gegenüber engsten Wegbegleitern so dargestellt, als habe er dem Regime als Gegner, jedenfalls mit kritischer persönlicher Distanz gegenüber gestanden.

Ein uneingeschränktes Anerkenntnis der vorgenannten Fakten und eine Offenheit in der Kenntnisnahme neuer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse sind daher in besonderer Weise Voraussetzungen für die Arbeit der Stiftung heute. Es steht außer Frage, dass sich die Stiftung heute von den Verstrickungen Alfred Toepfers in der Zeit des Nationalsozialismus sowie seiner Unterstützung für Vertreter des Regimes in der Nachkriegszeit distanziert und diese uneingeschränkt bedauert. 

Verweise auf die zahlreichen und umfassenden Verdienste Toepfers als Stifter und Mäzen in der Nachkriegszeit sowie die Tatsache, dass Toepfer nach den Erkenntnissen der Kommission weder Mitglied der nationalsozialistischen Partei noch in Kriegsverbrechen oder der aktiven Verfolgung einzelner Bevölkerungsteile involviert war, sollen und können dabei diese Fakten nicht relativieren. Es bleibt zugleich Aufgabe der Stiftung, für einen qualifizierten und differenzierten Umgang mit Geschichte zu werben.

Neben diesem Bemühen um Erforschung und Anerkenntnis der Ergebnisse übernimmt die Stiftung heute vor allem Verantwortung für die Geschichte durch ihre programmatische Arbeit. So hat sich die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. in den vergangenen Jahren von dem auf der Vorstellung von „Kulturräumen“ basierenden Preisprogramm gelöst und stattdessen ihre Ressourcen darauf konzentriert, Kulturschaffende und Wissenschaftler zu fördern, die für grenzüberschreitenden Austausch, interkulturelle Begegnung und Verständigung in Europa und darüber hinaus stehen. Die Förderung des Dialogs, die Ermutigung zum Austausch, die Stärkung von Toleranz und Verständigung sind Kernanliegen der Stiftungsarbeit heute. Dies gilt für die europaweiten Stipendienaktivitäten der Stiftung, für die Programmarbeit in Kultur, Wissenschaft, Bildung und Naturschutz wie auch für die Preise, mit denen in den letzten Jahren immer wieder Menschen für ihren hartnäckigen, couragierten, ideenreichen und fachlich herausragenden Umgang mit Geschichte und ihren Einsatz für Toleranz, Verständigung und kulturelle Vielfalt gewürdigt wurden.

Die nach dem Tod von der Familie gewünschte Aufnahme des Namens des Stifters in die Bezeichnung der Stiftung wird heute nicht als eine undifferenzierte Respektsbezeugung verstanden, sondern als Akt der Transparenz zur Herkunft des Stiftungsvermögens.