KAIROS-Preisträgerin 2014: Jasmila Zbanic 

Jasmila Zbanic, geboren 1974 in Sarajevo, erhielt ihre Ausbildung an der Akademie für darstellende Kunst in Sarajevo. 1995 ging sie in die USA und arbeitete als Puppenschauspielerin im Bread and Puppet Theater. 1997 kam sie zurück nach Sarajevo und gründete eine Filmproduktionsfirma.

Auf exemplarische Weise zeigt Jasmila Zbanic, dass von künstlerischen Interventionen entscheidende gesellschaftliche Impulse ausgehen können. Zentral für ihr Werk ist die Auseinandersetzung mit den Kriegstraumata der in Bosnien lebenden Bevölkerung. Sie plädiert für eine furchtlose Aufarbeitung der Verbrechen, aber auch für Aussöhnung, für einen Heilungsprozess. Mit Filmen wie Esmas Geheimnis, der bei der Berlinale 2006 den Goldenen Bären für den Besten Film gewann, beweist Jasmila Zbanic eine eigenständige künstlerische Handschrift; zugleich versteht sie ihre Arbeit als Überlebensstrategie, weil sie den sprachlosen Opfern eine Stimme und eine neue Perspektive gibt. Sie versuche zu zeigen, wie man die Lethargie der Traumatisierung durchbrechen und ein eigenes Leben aufbauen könne, sagt die Regisseurin.  

Durch ihren souveränen Umgang mit filmästhetischen Mitteln, ihre überraschenden Bilderfindungen und nicht zuletzt durch ihren oft skurrilen Humor gelingt es ihr, diese Aufbauarbeit als vitale kulturelle Leistung zu definieren, als Beitrag zu einem mentalen Paradigmenwechsel in einem tief verunsicherten Land. Damit greift sie auch unmittelbar in das politische Geschehen ein. An ihrem Film Esmas Geheimnis entzündete sich eine breite Debatte über die Rechte der im Krieg vergewaltigten Bosnierinnen – was dazu führte, dass diese Frauen qua Gesetz als zivile Kriegsopfer anerkannt wurden und Anspruch auf Rentenzahlungen erhielten. Ihr zweiter Spielfilm Zwischen uns das Paradies von 2010 hatte ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale Premiere. Daneben war sie bei weiteren renommierten Filmfestivals und bei der documenta vertreten.

Mit Konsequenz und großer Energie verfolgt Jasmila Zbanic das Ziel einer umfassenden Sensibilisierung für verdrängte Themen. Nicht zuletzt ist sie eine geniale Netzwerkerin. Von Anfang an war ihr daran gelegen, die soziale Isolation des Künstlers aufzugeben und stattdessen mit kooperativen Aktionen ein Klima des Aufbruchs und der Erneuerung zu schaffen. Dazu tragen auch die Videoarbeiten, Dokumentarfilme und Theaterproduktionen bei, die in der von ihr gegründeten Künstlervereinigung Deblokada entstehen. Das Kuratorium des KAIROS-Preises möchte der wichtigen Arbeit von Jasmila Zbanic mit der Preisverleihung ein europäisches Forum geben und die Aufmerksamkeit auf eine Region lenken, deren Konflikte angesichts der aktuellen Europadebatte leicht in Vergessenheit geraten.

Die Verleihung des KAIROS-Preises an Jasmila Zbanic fand am 23. Februar 2014 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg statt. Die Laudatio hielt Dieter Kosslick.

 

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