Siggener Begegnungen

Was heißt Republikanismus heute?

Von Jens Jeep

Bereits der Vorstellungsabend der „Siggener Begegnungen“ zum Thema Republikanismus zeigte allzu offensichtlich, dass die thematisch gestellte Frage mehr als berechtigt war: Die Erkenntnis, mit 49 Jahren der Youngster unter den Seminarteilnehmern zu sein, bescherte dem Autor dieser Zeilen zwar das vergängliche Gefühl fortbestehender Jugend, welches aber schnell abgelöst wurde von der Erkenntnis, welch geringe Strahlkraft der Begriff des Republikanismus offensichtlich auf wirklich junge Menschen ausübt. Darin liegt ein großes Problem unserer Gesellschaft. Verstehen wir die Republik wirklich allein in der Abgrenzung zur Monarchie und zur Diktatur? Ist also der Akt des Wahlgangs alle vier oder fünf Jahre bereits alles, was diese Staatsform von uns Bürgern verlangt, um zu erreichen, was zu erreichen doch das Ziel sein muss: Ein möglichst gutes (Zusammen)leben aller Bürger?

Wenn es so wäre, dann müsste unser Land eigentlich Bundesdemokratie Deutschland heißen. Das tut es aber nicht. Wir haben die Republik immerhin als konstitutiven Teil unserer Staatsbezeichnung gewählt, weshalb die Frage mehr als berechtigt ist, wie sich dieser Republikanismus im Alltag äußern kann, vielleicht sogar äußern muss, damit wir dem gerecht werden, was wir uns selbst als Vorgabe gesetzt haben.

Der erste Siggener Konsens war insofern schnell erreicht, bevor er im diskursiven Dissens auf die Probe gestellt wurde: Ja, wir müssen uns alle mehr beteiligten, damit das Gemeinwesen zum guten Leben erweckt wird. Nein, es gibt dafür nicht die eine Lösung, die sich aufdrängt. Und ausgehend von den individuellen Erfahrungen mit dem, was bereits gut geht, und dem, was deutlich dahinter zurückbleibt, entspannte sich eine lebendige Debatte um die zeitgemäßen Tools zur Aktivierung des Bürgers als Teil der Gemeinschaft. Klar schien dabei zu sein, dass wir uns von der Dualität eines „Geh‘ doch in die Politik oder beschwer dich nicht!“ entfernen müssen. Es gilt, Wege der Beteiligung zu finden, die weder das Ganz noch das Gar nicht vom Bürger verlangen, sondern die Beteiligung dort ermöglichen, wo dies den Interessen und der Kompetenz des Einzelnen entspricht. Nicht allein im Sinne des Altruismus, sondern im vollen Bewusstsein, dass die Möglichkeit, die Welt zu gestalten, etwas ungemein Sinnstiftendes und individuell Glücklichmachendes ist.

Wie groß der Wunsch des Einzelnen ist, mit sich und seinen Ansichten gehört zu werden, zeigt der Blick in die Debatten der sozialen Medien und in die Kommentarspalten der traditionellen Medien. Wie wenig diese Form der Meinungsäußerung geeignet ist, das Leben aller zu verbessern, zeigt derselbe Blick gleich mit dazu. Hier sollen nur einige der vielen besprochenen Siggener Wege kurz skizziert werden, mit denen sich das Miteinander in der Republik durch das Engagement der Bürger verbessern lässt, von der Gesetzgebung im Großen bis zur Initiative im Kleinen.

  1. Bürgerhaushalte und Bürgerparlamente: Eigene Budgets, über deren Verwendung die Bürger vor Ort mitentscheiden. Nicht die da oben bestimmen, was gemacht wird, sondern die da unten. Die Projekte werden nicht nur vom Gemeinwesen finanziert, sondern dadurch auch von den Mitgliedern der Gemeinschaft betreut und betrieben.
  1. Die Verbindung des Virtuellen mit dem Gegenwärtigen: Weder das Town Hall Meeting, also das Treffen und Debattieren bei körperlicher Anwesenheit, noch die Virtualisierung der Debatte sind für sich die Lösung. Aber die Verbindung von beidem, das Vor- und Nachbereiten des deliberativen Prozesses vor Ort durch technische Tools im Net verspricht größeren Erfolg.
  1. Wege zu einer besseren Gesetzgebung: Nicht nur die medial begleitete politisch gewünschte Zielbestimmung von Gesetzgebung ist verantwortlich für deren Erfolg, sondern auch die konkrete Umsetzung, also die handwerkliche Leistung der Regelschreibung. Hier kann das Netz für mehr Transparenz und zugleich für Beteiligungsmöglichkeiten sorgen, denn Fehler skalieren sich und richten potentiell großen Schaden an.
  2. AppStimmungen als Weg der strukturierten Meinungsäußerung: In Ergänzung zu lediglich in großen Abständen stattfindenden Wahlen und als Ersatz scheindemokratischer Demoskopie geht etwa Tübingen den Weg der Befragung der eigenen Bevölkerung, welche mit geringem Aufwand, aber höherer Detailfreude über eine App oder auch schriftlich möglich ist – nicht rechtlich verbindlich, aber je nach Ausgang durchaus recht bindend für die Kommunalpolitik.

Ein kleines Fazit: Es erstaunt einerseits immer wieder, wie konstruktiv es doch ist, interessierte und ebenso meinungsstarke wie ergebnisoffene Menschen für wenige Tage aus dem Alltag herauszunehmen und vor eine gemeinsame Aufgabe zu stellen. Wie schnell man doch so zu neuen Erkenntnissen und konkreten Ergebnissen kommen kann.

Es ist jedoch gleichermaßen wichtig zu betonen, dass allein durch das Reden eben noch nichts erreicht ist. Das Wissen um die Wege, die Welt zu verbessern, ist noch ein gutes Stück davon entfernt, diese Wege auch zu beschreiten. Es liegt an uns, etwa dem Beispiel von Senator a.D. Wilfried Maier zu folgen, der ein inspirierender Gast- und Ideengeber dieser Siggener Begegnungen war und auch 1. Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg ist. Deren Namen mag spontan auf junge Leute die gleiche Anziehungskraft haben wie die Einladung zur Republikanismus-Woche in Siggen. Doch wer den Blick hinter die eigenen Begriffsvorurteile wagt, der wird überrascht sein, wie aktiv und vital hier ganz konkret am besseren Leben für alle gearbeitet wird. Ganz republikanisch eben.

Dr. Jens Jeep ist Notar in Hamburg und seit Frühjahr 2019 Mitglied des Max-Brauer-Preiskuratoriums der Toepfer Stiftung.

Verstärkung für das Stiftungsteam

Neue Kollegin für den Programmbereich Zukunftsgerechte Landnutzung

Das Team der Toepfer Stiftung wird seit dem August 2019 von Dr. Klara Helene Stumpf verstärkt. Die Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin beschäftigte sich zuletzt am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research der Europa-Universität Flensburg mit dem gesellschaftlichen Wandel unter dem Leitbild der Zukunftsfähigkeit. Bei der Toepfer Stiftung kümmert sie sich nun um die Neuausrichtung der Aktivitäten zur „Zukunftsgerechten Landnutzung“.

Naturschutz und Landschaftspflege, Land- und Forstwirtschaft gehören traditionell in den Kernbereich der Aktivitäten der Toepfer Stiftung und wurden über Jahrzehnte überwiegend durch die Vergabe von Preisen und Stipendien gefördert. In den Jahren 2007 bis 2017 verlieh die Toepfer Stiftung den CULTURA-Preis für zukunftsgerechte Landnutzung, der sich interdisziplinär und mittelnd zwischen Wissenschaft und Praxis verstand. Aus dem Erbe dieses Preises möchte die Toepfer Stiftung ihre „grünen“ Aktivitäten mit dem neu konzipierten Programmbereich Zukunftsgerechte Landnutzung konzentrieren. Mit der Neuausrichtung des Programmbereichs folgt die Stiftung dem Auftrag aus der Satzung, sie solle „sich möglichst pionierhaft und konzentriert zeitgerechten und zukunftsträchtigen Aufgaben widmen, sich entsprechende Aufgaben suchen und sich solche stellen“.

Vor dem Hintergrund eines immer deutlicher werdenden Veränderungsdrucks auf die Agrar- und Ernährungssysteme, zuletzt verdeutlicht durch den Bericht des Weltklimarats zur Landnutzung vom Herbst 2019, sind diese verstärkt in ihren mannigfachen Wechselwirkungen und Verflechtungen in den Blick geraten. Klar ist: Ein Weiter-so-wie-bisher ist keine Option. Es stellen sich Fragen nach einer nachhaltigeren und klimagerechteren Land- und Forstwirtschaft genauso wie nach größerer Ernährungssouveränität, der Zukunft ländlicher Räume, von Kulturlandschaften und von Flächen, die nicht der Produktion unterliegen. Die Toepfer Stiftung wird sich diesem Themenkomplex in Zukunft verstärkt durch operative Programme widmen, die sich an verschiedene Akteure aus Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung richten und dazu beitragen sollen, einen Dialog über verschiedene hiermit verbundene Perspektiven, Interessen, Erkenntnisse, Lösungsstrategien und Zielkonflikte zu ermöglichen und ganz konkrete Schritte einer zukunftsgerechteren Landnutzung zu unterstützen.

Was ist ein Denkmal?

Die erste Sommerakademie für Denkmalschutz in Siggen

Von Kristina Sassenscheidt

Ein malerisches Landgut mit mehreren denkmalgeschützten Gebäuden, dazwischen ein modernes, lichtdurchflutetes Seminargebäude, das einen spannungsvollen Kontrast zum älteren Bestand bildet, inmitten weiter Felder und nur wenige Minuten entfernt von der Ostsee – man kann sich schwer passendere Orte für eine Sommerakademie vorstellen, bei der die historische Baukultur im Mittelpunkt steht. Im Juli 2019 kamen Studierende aus den Bereichen Kunstgeschichte, Architektur und Landschaftsarchitektur zusammen, um sich eine Woche lang mit der Frage „Was ist ein Denkmal?“ zu beschäftigen. Anlass für das Sommerseminar war eine thematische Lücke in der wissenschaftlichen Lehre: Derzeit gibt es in Hamburgs Universitäten keine Dozent*innen, geschweige denn einen Lehrstuhl für Theorie und Praxis der Denkmalpflege. Das hat zur Folge, dass Studierende der Architektur oder Kunstgeschichte ihre jeweiligen beruflichen Laufbahnen einschlagen, ohne sich tiefergehend mit Denkmalpflege bzw. im weiteren Sinne mit Heritage Studies auseinandergesetzt zu haben – mit entsprechenden Folgen für den späteren Umgang mit Baudenkmälern.

Als ich im Herbst vergangenen Jahres mit dem Vorstandsvorsitzenden der Toepfer Stiftung, Ansgar Wimmer, darüber sprach, bot er spontan an, das Gut Siggen für eine einwöchige Sommerakademie zur Verfügung zu stellen. Daraufhin setzte ich mich mit zwei Gleichgesinnten aus der Wissenschaft zusammen: Prof. Dr. Lisa Kosok vom Studiengang Kultur der Metropole an der HafenCity Universität Hamburg und Dr. Frank Schmitz vom Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg, die sich beide bereits im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Lehre für Denkmalschutz und Stadtgeschichte engagieren. Gemeinsam konzipierten wir ein Seminar, das den Teilnehmenden eine erste Einführung ins Thema bieten sollte und darüber hinaus vertiefte Möglichkeiten, sich mit Theorie und Praxis der Denkmalpflege bzw. dem Erbe-Diskurs auseinanderzusetzen. In der Ausschreibung baten wir um Vorschläge für eigene Themen, die im Rahmen des Seminars in kurzen Referaten vorgestellt werden sollten. Die Ergebnisse überraschten uns sehr positiv – es kamen über 30 Bewerbungen, von denen wir 16 Studierende auswählten. Die Vielfalt der inhaltlichen Vorschläge beeindruckte uns ebenfalls und ließ teilweise bereits auf eine hohe fachliche Expertise schließen: Von der Entwicklung des Ensemble-Begriffs über den Umgang mit Nachkriegsmoderne bis hin zu der sehr aktuellen Frage, welche Folgen der Klimawandel auf historische Gärten bereits hat und noch haben wird.

Am 22. Juli begann dann das Seminar mit einem Rundgang über das Guts-Gelände, angeleitet von zwei ausgewiesenen Experten: Der langjährige Gutsverwalter Thomas Walch führte uns gemeinsam mit dem ehemaligen Landeskonservator von Schleswig-Holstein, Dr. Michael Paarmann, durch die Geschichte und Gegenwart des historischen Ensembles. Dabei besichtigten wir unter anderem die sogenannte „Burgstube“ aus den 1930er Jahren, an deren Wänden noch zeittypische Malereien von A. Paul Weber zu finden sind und die nationalsozialistische Bemühungen veranschaulichen, ländliche Traditionen für sich zu vereinnahmen.

In den darauffolgenden Tagen hatten wir weitere Referent*innen zu Gast, die uns Einblicke in die Praxis gaben, von Denkmalrecht über Praktische Baudenkmalpflege bis hin zur Gründung von Initiativen für den Denkmalschutz. Insbesondere der Austausch mit den beiden Vertreter*innen des Denkmalschutzamtes war sehr erkenntnisreich für alle Beteiligten, weil aktuelle Herausforderungen für die Denkmalpflege anhand zahlreicher Beispiele sehr anschaulich wurden. So erfuhren wir beispielsweise, dass die Städtebauliche Denkmalpflege sich nicht nur um die Gestaltung von Neubauten, sondern z.B. auch um Stadtmöblierung  oder Parkplätze kümmern muss, und es wurde deutlich, wie viele Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen an einem gelungenen Umgang mit der historischen Baukultur beteiligt sind.

Sicherlich ist es auch der angenehmen Gesamtatmosphäre in Siggen zu verdanken, dass sich alle Teilnehmenden am Ende nur schwer voneinander verabschieden konnten. Bei einer schriftlichen Umfrage gaben alle Studierenden ein sehr positives Feedback. Wir freuen uns daher sehr, auf Grundlage dieser Erfahrungen die Fortsetzung der Sommerakademie im kommenden Jahr planen zu können.

Kristina Sassenscheidt hat Architektur an der TU Berlin studiert und sieben Jahre die Öffentlichkeitsarbeit im Denkmalschutzamt Hamburg geleitet. Seit 2016 ist sie Vorsitzende und seit 2019 Geschäftsführerin des Denkmalvereins Hamburg e.V. Der Verein engagiert sich mit seiner Vermittlungsarbeit für einen stärkeren Denkmalschutz und das gewachsene Stadtbild in Hamburg (www.denkmalverein.de).

Was macht eigentlich der KAIROS-Preisträger von 2015?

Vom Architekturbüro in die Lehre. Fragen an Eike Roswag-Klinge

Was reizt Dich an der Zusammenarbeit mit Studenten?
Als Architekt verbringe ich seit meinem Ruf an die Technische Universität Berlin kaum noch Zeit im Büro ZRS Architekten Ingenieure, das ich vor 15 Jahren mit initiiert habe und das meinen beruflichen Weg bislang bestimmt hat. Mit einem engagierten Team bauen wir an der TU Berlin nun das Fachgebiet Konstruktives Entwerfen und Klimagerechte Architektur unter dem ergänzenden Namen „Natural Building Lab TU Berlin“ (NBL) um. Das NBL ist im wörtlichen und übertragenden Sinne eine Werkstatt des Wandels. Unsere Studierenden arbeiten in konkreten auch handwerklichen Projekten an Architekturen einer postfossilen Postkonsumgesellschaft. Im Rahmen von transdisziplinären DesignBuild Studios arbeiten sie meist in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft an Lösungsansätzen für die große Transformation, die vor uns allen liegen muss. Für die NBL-Aktivitäten bauen die Studierenden mit uns im Berliner Wedding eine gründerzeitliche Werkhalle, die ehemals für AEG gebaut wurde, zu einer DesignBuild Werkstatt um.
Als NBL setzen wir unsere Lehre in Form eines selbstbestimmten Lernprozesses um. Die Studierenden arbeiten an ihren „Entwürfen“ weitgehend selbstbestimmt in Gruppen und Kollektiven. Als Lehrende sind wir eine Ressource des Teams und begreifen uns eher als Unterstützer und Kollaborateure im Lernprozess denn als klassisch Lehrende. Wir sehen uns selbst als Lernende in einer ungewissen Zeit. Die Studierenden entwickeln in den selbstbestimmten Lernformaten ein unglaubliches Engagement, bringen ihre Erfahrungen mit ein, entwickeln ihre eigenen Fähigkeiten weiter und positionieren sich selber im Diskurs zum Wandel unserer Gesellschaft. Mich reizen also die Ideen und die Energie, die Studierenden in gemeinsame Lehr- und Forschungsprojekte einbringen.

Welche Möglichkeiten für Veränderungen bietet der Weg in die Hochschule?
Universitäten sollten aus unserer Sicht an Lösungen für konkrete Fragestellungen unserer Zeit arbeiten, wir finden unsere Themen und Aufgabenstellungen also in der Zukunft. Auch wenn der Büroalltag im Architekturbüro ZRS sehr zukunftsorientiert, divers und visionär ist, arbeiteten wir dort an realen Projekten für Bauherren und können oftmals nicht so weit springen wie wir es uns wünschen würden. In Forschung und Lehre können wir an der Universität freier an Zukunftsthemen herangehen. Zudem stehen uns mit den Projekten der Studierenden Ressourcen zur Verfügung, die uns Handlungsraum verschaffen. Die Studierenden bekommen im Gegenzug einen Realkontext für ihre Projekte und können ihre Ressourcen sinnhaft einbringen.

Kannst Du konkrete Beispiele erzählen, wie Du mehr Wirkung entfaltest?
Wir arbeiten vorrangig im DesignBuild Format. Die Studierenden entwerfen, planen und realisieren in diesem Format gemeinsam mit einem realen Partner in der Gesellschaft zukunftsorientierte Projekte. Unser erstes Projekt im Wintersemester 2017/2018 ist das heute Infozentrale auf dem Rollberg genannte Projekt in Berlin Neukölln. Die Studierenden haben basierend auf dem EU-Forschungsvorhaben RE4 ein „Nachbarschaftszentrum“ aus Abfallstoffen entworfen. Realisiert wurde ein Dachtragwerk aus Abbruchholz, das mit Wänden aus Pappkartons, geschreddertem Papier und alten Plakaten versehen wurde. Das Projekt hat die Grenzen zirkulären Bauens ausgetestet und gleichzeitig einen Ort der Kommunikation geschaffen. Einige Studenten sind bis heute in den Betrieb des Projektes involviert. Im letzten Sommer haben wir mit einer Gruppe in Medellín ein Nachbarschaftszentrum aus Bambus geplant und realisiert. In unserer aktuellen Masterklasse bearbeiten wir zum Beispiel die gemeinwesenorientierte Transformation eines Friedhofs in Berlin Neukölln und planen Wohnungsbauten für den ländlichen Raum und suburbane Gebiete in Bangladesch. Ein Prototyp des Wohnungsbaus wird noch in diesem Jahr begonnen. Ich denke, dass solche Realprojekte, seien sie entwurflicher Natur oder realisiert, zum Diskurs beitragen und vor allem ein neues Selbstverständnis des Architekten als Gesellschaftskollaborateur ausloten.

Spielen die Beteiligung im Programm Lehren und die Ressourcen des Netzwerks für Dich eine Rolle?
Im Rahmen von Lehren kann ich unsere Lernmethodik weiterdenken und mit Lehrenden in anderen Fächern diskutieren. Es ist spannend zu sehen, wie ähnliche Reformansätzen inter- und transdisziplinären Forschens und Lernens gerade in verschiedenen Netzwerken ausprobiert werden. Auch für meine Tätigkeit als stellvertretender Direktor des Institutes für Architektur an der TU Berlin finde ich viele Impulse und Anregungen der Kollegen. Leider finden auch wir Lehrende und Forscher noch lange nicht die richtigen Methoden, um auf die vom Menschen erschaffenen Probleme wie die Klimakrise und die Ressourcenverknappung zu reagieren. Neben der Notwendigkeit von Sprunginnovationen ist vor allem die konsequente Umsetzung des Offensichtlichen notwendig, auch wenn dies unsere lange Tradition wissenschaftlichen Arbeitens hinterfragt. In engem Kontakt mit den unterschiedlichsten Akteuren der Gesellschaft werden wir die wichtigsten Themen identifizieren und gemeinsam zu Lösungsansätzen führen können.

 

Prof. Dipl.-Ing. Eike Roswag-Klinge erhielt 2015 den KAIROS-Preis der Toepfer Stiftung und ist in diesem Jahr Fellow des Dachprogramms von Lehren – dem Bündnis für Hochschullehre.Mit seinen Teams erforscht, plant und realisiert er in verschiedenen Weltregionen ganzheitliche, klimaangepasste Naturbauten, die weitestgehend auf Technik verzichten können. Schwerpunt der aktuellen Forschung liegt in der Entwicklung gesunder LowTech-Gebäude über feuchte- und klimasteuernde Baustoffe wie Lehm und Holz, sowie das Bauen im Lebenszyklus. Als Mitbegründer des Netzwerkes DieNachwachsendeStadt untersucht er die ressourcen-positive Entwicklung und Verdichtung urbaner Räume u.a. am Beispiel von Berlin. Eike Roswag-Klinge und ZRS Architekten Ingenieure wurden unter anderem mit dem Aga Kahn Award for Architecture 2007, dem Holcim Award in Gold 2011 Asia-Pacific und dem BDA-Preis Berlin ausgezeichnet.

Max-Brauer-Preis 2019

Konzertante Preisverleihung

Von Betty Schaefer

„Das ist einfach echt fresh!“ – So erklärten zumindest Susann Hoffmanns Schüler der Grund- und Stadtteilschule Veddel ihre Begeisterung für die modernisierte Stücke der jahrhundertealten Kompositionen Bachs und Beethovens, verglichen mit dem altbekannten Original. Dabei lässt sich dieser Satz sowohl auf die neuen Preisträger und Musiker des ensemble reflektor als auch auf die komplette Max-Brauer-Preisverleihung 2019 übertragen, denn im Gegensatz zu den Vorjahren erinnerte diese eher an ein Konzert als an eine typische Preisverleihung und war damit für die Historie des Max-Brauer-Preises eben echt „fresh“.Dazu passte auch das abwechslungsreiche Programm des Ensembles. Gespielt wurde Bach und Beethoven, aber auch der unbekannte Scelsi, mal in kleinerer, mal in größerer Runde, teils leichtere, teils dramatischere Stücke in fast kompletter Dunkelheit, teilweise in Kooperation mit einem Gast der Syriab Band. Auch die klassische Pause entfiel. Stattdessen wurde sie als typisches Pausengespräch mit einem (gefakten) Glas Sekt am Stehtisch inszeniert: die Musiklehrerin Susann Hoffmann, die NDR-Redakteurin Sabine Rein und der Generalintendant der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, tauschten sich über das bisher Gehörte und ihre jeweilige Beziehung zum Ensemble aus.

Diesmal lohnte sich auch der Blick hinter die Kulissen vor der finalen Veranstaltung, denn sowohl auf Seiten der Musiker, als auch auf Seiten der Redner wurden noch einige spontane Änderungen vorgenommen: Das letzte Stück wurde noch schnell einen Halbton höher gesetzt, der Stehtisch zum Pausengespräch doch selbst hereingerollt und eben dieses Gespräch der Authentizität wegen nur in groben Stücken geprobt.

Zum Abschluss der Veranstaltung kam es dann zum wichtigsten Programmpunkt: Der Preisübergabe. Stellvertretend für das ensemble reflektor betonten Vorstandsvorsitzende Selma Brauns und Orchestermanagerin Dorothee Kalbhenn, dass der Preis genau zum rechten Zeitpunkt käme: Nicht zum Anfang oder zum Ende, sondern Hier und Jetzt, wo es für das Ensemble gerade richtig losgeht. Genau im richtigen Moment griffen auch die Musiker noch einmal ins Volle und spielten als finales Stück – mit vorangestellter Bitte an das Publikum, dieses Stück durchaus auch als persönliche Widmung zu verstehen – Whitney Houstens „I will always love you“. Und mit der ganz in Rosa getauchten und von einer Discokugel illuminierten Bühne bewiesen sie, dass auch eine große, wenn nicht sogar sehr große Portion Kitsch, durchaus zum Max-Brauer-Preis passen kann.

Betty Schaefer hat sich nach ihrem Abitur für ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur (FSJ Kultur) bei der Toepfer Stiftung entschieden und wird das Team der Stiftung bis zum Sommer 2020 unterstützen.