Agnes Meyer-Brandis ist eine der ungewöhnlichsten Künstlerinnen unserer Zeit und wird in diesem Jahr mit dem KAIROS-Preis der Toepfer Stiftung ausgezeichnet. Ein Gespräch über Baum-Parfüms, Mondgänse und Schwerelosigkeit 

Du schwebst in Schwerelosigkeit, bohrst das Erdinnere an, trainierst mit einer von Dir aufgezogenen Gänseschar für den Flug zum Mond oder züchtest Tomaten, die auf dem Mars existieren können – woher schöpfst Du all diese ungewöhnlichen Ideen?   

Agnes Meyer-Brandis: Am Anfang ist immer Neugier. Ich habe mich gefragt, was wohl unter meinen Füßen ist, worauf ich eigentlich stehe? Und dann habe ich angefangen „Tools to Search“ zu entwickeln, um zunächst unterirdische Orte und Phänomene zu sondieren. Seit 2007 sondiere ich aber nicht nur Realitäts-Schichten innerhalb, sondern auch außerhalb der Erde, bin sozusagen über das Erdinnere hinaus in den Weltraum gewandert. Das Eine entwickelt sich aus dem Anderen, jedes Projekt ist von vielen Recherchen begleitet. Während dieser Recherchen entdecke ich wiederum neue Dinge, die dann zu neuen Fragen und vielleicht zu einem neuen Projekt führen. Es ist ein fortlaufender Prozess. Über die Mondgänse und das Buch von Francis Godwin aus dem Jahr 1632 bin ich beispielsweise gestolpert, als ich ein Experiment in Schwerelosigkeit vorbereitet habe, weil dort der schwerelose Zustand wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte und zudem recht treffend beschrieben wird – und in dem Buch wurden eben auch das erste Mal die Mondgänse erwähnt.

Du hast 2003 das FORSCHUNGSFLOSS gegründet, ein Institut für Kunst und subjektive Wissenschaft, das Fragen stellt, aber keine Antworten gibt. Du verstehst das Institut als begehbare Skulptur und zugleich auch als Labor, Werkstatt und lebendiges poetisches Archiv, mit der Fähigkeit zum Wandern und Wuchern. Ist das FORSCHUNGSFLOSS eine Kritik an den bestehenden Wissenschaften oder Deine humorvolle Art, mit Hilfe von Technologie und wissenschaftlichen Methoden Fragen an die Natur zu stellen, die innerhalb der naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen niemals gestellt werden können? 

Agnes Meyer-Brandis: Ich würde es nicht als Kritik bezeichnen, aber es könnte durchaus sein, dass einige meiner Fragen irgendwann einmal in den Naturwissenschaften gestellt werden – ich bin vielleicht nur etwas früher dran. Das liegt vermutlich an der anderen Perspektive, die ich anbiete oder einbringe: ich bezeichne meine Arbeit auch als künstlerische Wirklichkeitsforschung, die natürlich sehr von der Freiheit der Künste profitiert, und selbst Fragen wiederum infrage stellen kann, Sinnvolles und ganz Unsinniges tun und verknüpfen darf, was wiederum zu eigensinnigen neuen Realitäten und Erkenntnissen führen kann. Da kommt dann die Frage auf, ob andere Fragen wiederum andere epistemologische Wissensgeschichten schreiben.

Dein jüngstes Projekt „One Tree ID“ ermöglicht uns Menschen, mit Bäumen zu kommunizieren. Dazu hast Du aus den Gasemissionen verschiedener Bäume Parfüms entwickelt, mit deren Hilfe wir auf biochemischer Ebene mit dem jeweiligen Baum ‚ins Gespräch‘ kommen. Wie funktioniert das genau? 

Agnes Meyer-Brandis: Mich hat total fasziniert, dass jeder Baum seine ganz eigene spezifische Gas- bzw. VOC-Emission hat. VOCs (Volatile Organic Compounds) sind kleinste flüchtige Gasmoleküle – also das, was wir im Wald riechen. Mit diesen VOCs kommunizieren Bäume, Pflanzen und Insekten biochemisch miteinander. Wir haben Gasproben dieser individuellen Baumwolken – quasi das, was der Baum ausatmet – genommen, beispielweise von einer Schwarzkiefer. Das geschieht mit Hilfe von „Chambern“/Messkammern. Diese werden mit einem Gaschromatographen analysiert. Dabei haben wir mehr als 100 Molekülkomponenten detektieren können. Da aber nicht alles mit Maschinen messbar und es durchaus möglich ist, dass genau das eine Prozent, was wir nicht messen können, ebenso wichtig für unsere Nase wie für die Kommunikation der Lebensformen ist, habe ich auch mit einem Parfümeur, Marc vom Ende, zusammengearbeitet, also Maschinen- und Nasen-Daten gesammelt. Diese Daten waren die Grundlage bzw. das Rezept für das Parfüm „One Tree ID“, das dann im Labor synthetisiert wurde.

Ist „One Tree ID“ für Dich auch ein aktives Klimaschutzprogramm, weil es uns für die Wälder und den einzelnen Baum sensibilisiert?

Agnes Meyer-Brandis: Man kann das so sehen und so ein Blickwinkel freut mich natürlich. Ich bin ein Kind unserer Zeit und kann deshalb mein Denken und Handeln nicht vor den lebens- und überlebensrelevanten Erkenntnissen und Realitäten, wie dem Klimawandel verschließen, um bei dem konkreten Beispiel zu bleiben. Als Künstlerin gibt es jedoch keinen Grund, mich gegenüber anderen Lebensformen abzugrenzen, das heißt, dass ich mich in einer Arbeit mit Bäumen tatsächlich mit Bäumen beschäftige und diese nicht zu Metaphern oder alternativen Menschen werden. Es ist toll, wenn meine Arbeiten dazu beitragen können, vielfältiges Leben auf unserem Planeten zu erhalten oder jedenfalls einen kleinen Beitrag dazu leisten. Meine Arbeiten ermöglichen ja oft eine eigene sinnliche Erfahrung. Vielleicht führt diese Erfahrung zu einem anderen Denken, zu einem anderen „durch die Welt Wandeln und Handeln“. Aber ich verfolge, wenn ich ehrlich bin, einfach meine künstlerische Arbeit. Was das bedeutet und wie nützlich es ist, wenn man mir oder meiner Arbeit begegnet, kann jeder nur für sich entscheiden. Wenn ich z.B. die „One Tree ID“ als Parfüm auftrage, trage ich ja das Kommunikationssystem des Baumes, und wer weiß was alles passieren kann, wenn ich einem Baum als Baum begegne…

 

Das Gespräch führte Heike Catherina Mertens, Mitglied der Jury des KAIROS-Preises.