Prize Winner 2018: Jan Gerchow

Ein Stadtmuseum bietet Raum für Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es ist ein Ort des Nachdenkens über Ruhm und Reue der Stadt, geeignet fürdie liebevolle Denkmalpflege wie auch für die produktive Zertrümmerung von Lokalmythen. Gemeinsam mit seinem Team hat Jan Gerchow das Historische Museum in Frankfurt am Main zu einem vitalen Ort für die Selbstverortung und Identitätsfindung der Frankfurter Stadtgesellschaft entwickelt.

Jan Gerchow, 1958 in Braunschweig geboren, studierte zwischen in Freiburg und Durham (Großbritannien) Geschichte, Germanistik und Philosophie. An der Universität Freiburg promovierte er 1984 zur frühmittelalterlichen Geschichte Englands. Über Zwischenstationen am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen und am Ruhrlandmuseum in Essen kam er 2005 als Direktor ans Historische Museum Frankfurt am Main. Dort ist er nicht nur für die üblichen Angebote und Funktionen eines großen Stadtmuseums verantwortlich – auch die Sanierung und der Neubau der Museumsgebäude sowie die Neukonzeption der Ausstellungen tragen seine Handschrift. Die aufwendig sanierten Altbauten wie der „Saalhof“ wurden 2012 eröffnet, die großen Neubauten im Oktober 2017. Eines der spektakulärsten Exponate ist eine überdimensionierte Schneekugel mit künstlerisch gestalteten Modellen zum Thema “Typisch Frankfurt“. Ein Blick in die Kugel gibt Antworten auf die Frage, wie Frankfurt zu dem wurde, was es ist und worin sich die Stadt von anderen unterscheidet.

„Europas Großstädte sind Experimentierfelder der Zukunft. In den Städten erweist sich, ob die europäische Matrix ‚Einheit durch Vielfalt‘ überlebensfähig ist und ob wir weiterhin einen unverzichtbaren Konsens bewahren können, wenn stürmische Veränderungen der wirtschaftlichen, sozialen, sprachlichen, kulturellen und religiösen Verhältnisse alles Gewohnte in Frage stellen und Gräben aufwerfen. Wenn die Stadt als Lebensmuster gelingt, dann gibt sie Antworten auf die destruktiven Tendenzen unserer Gegenwart, wie Fragmentierung, Entsolidarisierung, Nationalisierung und Atomisierung. Als Labore friedlicher Bewusstseinsbildung können moderne Stadtmuseen enorme Wirkungen erzielen. Jan Gerchow hat die besten Strategien punktgenau kombiniert und sein neues Haus umgestaltet zu einem beispielhaften Ort der Gemeinschaftsbildung.“, so die Begründung des Preiskuratoriums.

Jan Gerchow selbst ist davon überzeugt, dass „die Stadt das Einzige ist, was alle Menschen, die dort leben, miteinander gemein haben: Nicht die Herkunft, die Religion oder irgendeine nationale Identität, sondern die Stadt ist das, was sie miteinander teilen. Darüber ins Gespräch zu kommen, die Stadt zu erkunden, in der aktuellen die historische Dimension zu erforschen – das heißt, Stadtmuseum zu machen.“

Am 22. April wird Jan Gerchow im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit dem KAIROS-Preis 2018 ausgezeichnet.