Dr. Annekatrin Gall – ein Portrait

„Der Mittelpunkt meines Lebens ist meine Leidenschaft für die Kunst. Und es fühlt sich so an als sei die Hauptsache im Leben, auf dem richtigen Weg unterwegs zu sein – dann findet sich alles andere.“

Dies sagt Tímea Junghaus, Kunsthistorikerin und in Ungarn geborene Roma, 32 Jahre jung und seit einigen Tagen Preisträgerin des KAIROS-Preises der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. 

Seit 2002 ist das Kernstück von Tímea Junghaus’ Wirken das Kuratieren von Ausstellungen, die die zeitgenössische bildende Kunst der Europäischen Roma erschließen. Die Vermittlungsaufgabe, der sie sich dabei stellt, ist eine doppelte: Zunächst ist da das Bemühen, die auf dem europäischen Kunstmarkt bislang kaum präsenten Werke zeitgenössischer
Roma-Künstler für ein möglichst großes Publikum sichtbar zu machen. Neben diesem Bemühen steht – untrennbar mit jenem verbunden und dennoch weit darüber hinausgehend – die Aufgabe, auf ihrem, dem kulturellen Gebiet gegen das stereotype Bild von ihrem Volk anzugehen. 

hre Liebe zur Kunst sowie der Wunsch, für das Volk, aus dem sie stammt, in Europa mehr Achtung zu erwirken und die Präsenz vorherrschender Klischees zu reduzieren, fließen in Tímea Junghaus’ Arbeit zusammen. Diese Klischees suggerieren das Bestehen einer Roma-Gemeinschaft homogener Identität. In Wahrheit unterscheiden sich nicht nur die einzelnen, über Europa verstreuten Gruppen der Roma gravierend, sondern ergibt sich auch ein Bild sozial und kulturell unterschiedlich geprägter Schichten und Teilgruppen, das dem der Mehrheitsgesellschaften gleicht, in denen die jeweiligen Gruppen zuhause sind. Junghaus selbst gehört der Intelligenz ihres Volkes an, einer europaweit wachsenden Gruppe, die sich zunehmend effektiver für die Wertschätzung der Roma in Europa einsetzt.

Für die Budapester Dependance des Open Society Institute, in dessen Arts and Culture Network Program sie seit Januar 2006 tätig ist, erarbeitete Tímea Junghaus im Herbst 2005 eine neue Strategie der die Roma betreffenden kulturellen Fördertätigkeit der Stiftung. Diese Strategie sah vor, sich nicht länger auf die kleinteilige Unterstützung vieler einzelner, regionaler kultureller Aktivitäten zu konzentrieren, sondern stattdessen das Werk von Roma- Künstlern an renommierten Orten international sichtbar zu machen. Dies bedeutete auch, jenen Künstlern und kulturell Tätigen den Zugang zu der entsprechenden professionellen Infrastruktur zu verschaffen und ihnen damit die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Kompetenzen zu erweitern. Das Open Society Institute übernahm jene Strategie, stellte Tímea Junghaus als Kunsthistorikerin ein und übertrug ihr als erste größere Aufgabe die Verantwortung, den Roma-Pavillon der Biennale in Venedig zu kuratieren.

Jener Umschwung in der Förderung von der Folklore zur Kunst– von der jungen Kuratorin sowohl gedanklich vorbereitet als auch im bisher europaweit größten Schritt umgesetzt – scheint mehr als an der Zeit. Denn nicht nur, dass es in der 112-jährigen Geschichte der Biennale noch nie einen Roma-Pavillon gegeben hat – es war in all diesen Jahren noch kein einziger Künstler des Volkes der Roma und Sinti als Ausstellender auch nur irgendeines europäischen Landes vertreten. Gleichzeitig ist dieser Umstand für die internationale Wahrnehmung der Roma-Kunst überhaupt signifikant. Kein Wunder also, dass der Großteil der europäischen Kunstszene und ihres Publikums bislang weder von der Existenz jener Künstler noch der ihrer Werke wusste. Die nun ermöglichte Begegnung mit Werken von 16 Roma-Künstlern aus acht europäischen Ländern war für die Gäste der Biennale auch eine Begegnung mit einem Geheimnis: dem Geheimnis einer bislang unbekannten, unter den dicken Farbschichten des Klischees verborgenen Identität eines fremden Volkes, sich webend aus dem Diskurs der ausgestellten Kunstwerke untereinander, ihrem Diskurs mit dem Betrachter, mit den Bildern in dessen Kopf ebenso wie mit seinen offenen Augen. Dass der Aufenthalt im Roma-Pavillon für viele Besucher einer Offenbarung gleichkam, spricht sich im Gästebuch aus:

„I had no idea that there is something like a Roma art scene at all – so you opened my eyes. And I am very impressed.“ Oder: „You seem to own the freedom, you seem to have strongest social networks, you seem to threaten the possession we live for day in day out… Are we allowed to get to you?” Oder auch: “Maybe I was wrong in the way I thought sometimes.” Oder sogar: “In this exhibition I experienced that art has got a very important and intensive message to tell the world.”

Die Energie, die von Tímea Junghaus ausgeht, ist eine stetige, ihre Kraft eine ruhige Kraft. Ihre Arbeit der letzten Jahre, die schnelle Folge einander ablösender, immer größer werdender Projekte waren nichtsdestotrotz geprägt von rastloser Aktivität. Begleitet von immer neuen Herausforderungen im Privatleben: Im November 2007, just als der Roma- Pavillon auf der Biennale seine Pforten schloss, brachte Tímea Junghaus ihr drittes Kind zur Welt. Wenn die junge Frau über jene Zeit spricht, ist sowohl das private als auch das sich ihrer Arbeit verdankende Glück unüberhörbar. Wenn doch – ganz leise – ein Bedauern mit schwingt, dann ist es das Bedauern, dass in ihrer derzeitigen vita activa so wenig Zeit bleibt für Reflexion: Reflexion über das jeweils abgeschlossene Projekt zunächst, Reflexion über die jüngste Veränderung in ihrer Familie – und nicht zuletzt Reflexion über das, was ihre Arbeit durchzieht wie ein roter Faden: das Sichtbarmachen der Kunst ihres Volkes. Dessen Vorteile liegen auf der Hand und sind es wert, dass eine hohe Auszeichnung sie ihrerseits weithin sichtbar macht. Irgendwann aber, so weiß Tímea Junghaus, wird sie sich neben anderen Fragen sogar die Frage stellen, was denn eigentlich die Vorteile der Unsichtbarkeit gewesen sind, gegen die sie einst antrat. Denn Tímea Junghaus weiß: Es ist wichtig, Fragen zu stellen und bestehende Bilder zu ändern. Auch und insbesondere das Bild im eigenen Kopf.

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