Die Verleihung des KAIROS-Preises 2009 

Soeben hat Sidi Larbi Cherkaoui den KAIROS-Preis 2009 entgegengenommen, nun hallen seine ungebremsten Schritte durch den Großen Saal des Deutschen Schauspielhauses. Virtuos wankt der Preisträger über die Bühne, stürzt und richtet sich selbst mühsam an unsichtbaren Marionettenfäden wieder auf, nur um erneut den Launen eines übersinnlichen Puppenspielers zu folgen.

Seine Dankansprache fällt aus dem Rahmen: Statt zu sprechen, tanzt er für das Publikum der Preisverleihung, einen Ausschnitt aus seiner eigenen Choreographie „Apocrifu“, und sagt damit doch mehr als mit vielen Worten. Ein Zitat, dass ihn in vierlei Hinsicht beschreibt: „Movement is vocabulary.“

Mit Tanz hatte die dritte Verleihung des KAIROS- Preises am 15. Februar 2009 auch begonnen: Gioia Masala und Rodolphe Lucas vom Ballets de Monte- Carlo brachten ein inniges Duett aus der Produktion „In Memoriam“ auf die Bühne, in dem die Tänzerin ganz den erst zaghaften, dann spielerischen Handzeichen des Tänzers folgt. Es gehört zu den Stärken Cherkaouis, dass die technische Perfektion seiner Künstler, das Tanzen auf Spitze, die akrobatischen Verkrümmungen und die scheinbar mühelose, von der Schwerkraft befreite Ausführung aller Bewegungen in den Hintergrund tritt und nicht Selbstzweck wird. Stattdessen ist der Zuschauer eingenommen von der Symbolik seiner Choreographien, die ebenso verträumt wie peinigend sein und das Repertoire menschlicher Empfindungen nahtlos durchbustabieren können. Größe und Anmut wechseln sich ohne Übergang mit Schmerz und Verzweiflung ab. Unterlegt ist dieses Schauspiel staunenswerten Einfallsreichtums mit dem Gesang der korsischen Vokalgruppe A Filetta. Sie schuf bei der Preisverleihung im Hintergrund der Bühne mit ihrem Gesang eine Halle aus Tönen, in der sich der Tanz erst wirklich entfalten konnte. Formal zurückhaltend, aber kraftvoll und zutiefst emotional sind die traditionellen korsischen Gesänge, mit denen die Gruppe europaweit erfolgreich ist und die mit den Mitteln der Stimme das ausdrücken, was Cherkaoui als Bewegung auf die Bühne bringt. 

Dieser winzige Ausschnitt zeigt auch, warum Sidi Larbi Cherkaoui vom Kuratorium des KAIROS-Preises als Preisträger des Jahres 2009 ausgewählt wurde: Er „macht sich immer wieder auf die Suche nach Neuem, seine Vielfältigkeit widersetzt sich jeder Kategorisierung.“, so Armin Conrad, Mitglied des fünfköpfigen Gremiums. Und so listet das Werkverzeichnis des 32-jährigen Choreographen auch bereits fast 20 Produktionen auf, von „Anonymous Society“, entstanden 1999, bis zu „Orbo Novo“, das im Sommer beim Cedar Lake Contemporary Dance Festival Premiere feiern wird.

Bei aller Unterschiedlichkeit dieser Werke lassen sich auch Gemeinsamkeiten entdecken, die den Gästen der Preisverleihung von Arnd Wesemann, Leitender Redakteur der Zeitschrift ballet-tanz, und Amelie Deuflhard, Intendantin der Kultur Fabrik Kampnagel, erläutert wurden. Platziert auf Koffern, die für die unentwegte Reisetätigkeit und internationale Beheimatung des flämisch-marrokanischen Künstlers stehen, erörterten die beiden Gesprächspartner die Rolle des Spirituellen im Schaffen Cherkaouis. Geprägt durch eine katholische Mutter und einen muslimischen Vater sei es ihm darum gegangen, im Tanz diejenigen Seiten von Religion zu überwinden, die mit Schmerz, Selbsterniedrigung und Leiden verbunden seien, so Arnd Wesemann. Stattdessen wolle er auf der Bühne vermitteln, wie häufig der Mensch selbst Gott spielen möchte und andere wie Puppen lenkt. Diese Marionetten-Metapher zieht sich durch sein gesamtes œuvre und symbolisiert außerdem, wie Menschen zu Repräsentanten werden, wie sie sich selbst verleugnen, weil sie in einem institutionellen Rahmen stets nur als Vertreter, nie aber als sie selbst auftreten. Und noch etwas erwähnt Wesemann: Cherkaoui beschäftige sich immer wieder mit dem Aufeinandertreffen der Kulturen und schaffe es dabei, nicht in Klischees zu erstarren, nicht mit dem politisch überkorrekten Ansatz der vorbehaltlosen, vorausgreifenden Akzeptanz, sondern mit respektvoller Neugier anderen Traditionen und Gebräuchen zu begegnen. Ein Beispiel ist die Eröffnungsszene aus Cherkaouis jüngster Choreographie „Sutra“: Er selbst, der weiße Europäer, spielt mit kleinen Holzboxen am vorderen Bühnenrand, die eine Miniaturausgabe der großen Kisten im Hintergrund bilden. Die dort versammelten Shaolin- Mönche gehorchen den Bewegungen des Fremden zunächst als wären sie Spielzeuge in seinen Händen und die Kisten wandern auf verschiedensten Wegen über die Bühne. Bald aber erkennt der Zuschauer, dass hier nicht der allmächtige Eurozentriker seine kulturelle Überlegenheit demonstriert, sondern nur ein Neugieriger auf Umwegen, die von Missverständnissen und Irritationen begleitet sind, eine ihm unbekannte Kultur entdeckt. Entsprechend heißt es in der Begründung des Kuratoriums: „Sein Werk ist geprägt von der Überzeugung, dass die Kulturen dieser Welt nicht bevormundend miteinander umgehen sollten. Sie sollten sich auch nicht aus dem Blickwinkel des Exotischen betrachten, denn jede Kultur hat eine lange Geschichte, ihre Geschichte, die Belehrung, Hass oder Anbiederung verbietet. Ihm ist die Augenhöhe wichtig, auf der sich Kulturen begegnen.“ 

Die Boxen, die das konzeptuelle Kernelement der Erfolgsproduktion Sutra bilden, greift später Birte Toepfer, Vorsitzende des Stiftungsrats, in ihrer Ansprache auf. Sie lud den Preisträger ein, wieder in eine solche Kiste zu steigen, diesmal beschriftet mit „Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.“, und so für eine Weile die Seele der Stiftung zu bereichern mit seiner berührenden, vielschichtigen Kunst. In einer kleinen, hölzernen Schatulle aufbewahrt ist schließlich auch die Sanduhr, Symbol des KAIROS-Preises, die Ansgar Wimmer Cherkaoui anschließend feierlich überreichte. Schon zu Beginn der Verleihung hatte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung den Preisträger als kreatives Genie in einer globalisierten Welt gewürdigt. Er wies zudem darauf hin, dass die Stiftung bereits in der Vergangenheit Tänzer und Choreographen ausgezeichnet hatte – darunter Pina Bausch und Jiří Kilián -, die die Wahl Cherkaouis als richtig und überzeugend begrüßt haben. Der KAIROS-Preis erhalte so im dritten Jahr seiner Existenz eine noch konkretere Gestalt als europäischer Kulturpreis.

Vervollständigen konnten die über 1000 Gäste im Deutschen Schauspielhaus ihr Bild von Cherkaouis Schaffen durch einen Beitrag aus 3sat-Kulturzeit, der anlässlich des Preises seine Produktionen und die Philosophie seiner Kreativität porträtierte, und mit der Laudatio Christoph Stölzls. Der Vorsitzende des KAIROS-Kuratoriums zeichnete die choreographische Tradition in Deutschland nach und verwies zur Einleitung auf eine Passage aus Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“, in der Potiphar gespannt die Tanzdarbietung ausländischer Schönheiten erwartet, ganz zum Ärger seiner (noch) keuschen Ehefrau.

Fern von solcher anmutigen Exotik und Zerstreuung bewegte sich der Ausschnitt aus „Apocrifu“, den Dimitri Jourde in einem intensiven, geradezu schmerzhaft physischen Solo tanzte. Er wurde wiederum begleitet vom Gesang der Gruppe A Filetta, vollführte aber den Schluss der Choreographie völlig ohne musikalischen Hintergrund, allein zum Rhythmus seines Atems, der deutlich hörbar für das Publikum die Körperlichkeit der Kunstform Tanz eindringlich ins Bewusstsein rückt. Jourdes Tanz macht auch die verschiedenen Prägungen Cherkaouis sichtbar, der früher unter anderem Hip Hop tanzte und Breakdance-Elemente auch in „Apocrifu“ verarbeitete.

Wie unwesentlich, ja bedeutungslos nationale Grenzen für den Choreographen sind, das konnte man an seinen Danksagungen ersehen, die nach Belgien und Japan, Spanien und Frankreich und in diverse weitere Länder gehen. Alles in allem mehr als genug Stoff für die Gespräche auf dem anschließenden Empfang, während dessen die Begeisterung des überwältigten Publikums noch deutlich vernehmbar nachklang. (lo) 

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