Die Entscheidung

Über das couragierte Leben von Magdalene Schoch (1897-1987)

Es war keine Kündigung wie jede andere. Nach siebzehn ertragreichen, bis 1933 geradezu erfüllten Jahren an der Hamburger Universität gab die 40-jährige Privatdozentin Dr. Magdalene Schoch ihre Stellung in der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät zum 1. November 1937 auf, beendete ihre vormals verheißungsvolle juristische Karriere in Deutschland und entschied sich für ein ungewisses Exil in den USA: ein Schritt, der ihr nicht leicht fiel, der sich für die überzeugte Demokratin jedoch seit Machtübernahme der Nationalsozialisten immer mehr als Notwendigkeit abgezeichnet hatte. Spürbar war der Druck gewachsen auf eine Wissenschaftlerin, die nicht bereit war, sich „gleichzuschalten“ und den Vorgaben eines inhumanen Regimes zu entsprechen. Während auch im universitären Umfeld „Anpassungsleistungen“ oder gar Zustimmung zum „neuen Staat“ die Regel waren, hielt Magdalene Schoch konsequent am eigenen Normensystem fest. Zunehmender Isolierung und Gefährdung begegnete sie schließlich durch Flucht in die „freie Welt“. Ihrer Mutter schrieb sie im Sommer 1938, sie habe ein ihr unerträglich gewordenes Leben aufgegeben und ein neues gesucht: Dazu habe es schließlich keines Mutes mehr bedurft, es sei nichts anderes gewesen als „Selbsterhaltungstrieb“.

Im Rückblick repräsentiert Magdalene Schoch die demokratische Chance von Weimar wie die frühe wissenschaftliche Blütezeit der 1919 gegründeten Hamburgischen Universität. Dorthin wechselte sie 1920, als sie – in Würzburg gerade promoviert – ihrem „Doktorvater“, dem bedeutenden Völkerrechtler und „Bürgerhumanisten“ Albrecht Mendelssohn Bartholdy, als kongeniale Assistentin an dessen neue Wirkungsstätte folgte. Die von gegenseitigem Respekt getragene Zusammenarbeit erwies sich in den folgenden Jahren als ausgesprochen fruchtbar, für beide Seiten.

Magdalene Schoch war maßgeblich beteiligt am Aufbau des von Mendelssohn Bartholdy geleiteten Seminars für Auslandsrecht, Internationales Privat- und Prozessrecht an der Universität; 1923 wurde sie zusätzlich Mitarbeiterin in Mendelssohn Bartholdys Institut für Auswärtige Politik, einem der weltweit ersten Institute zur Erforschung von Friedensbedingungen. Ab 1929 gehörte sie dem geschäftsführenden Vorstand der von ihr und Mendelssohn Bartholdy mitbegründeten „Gesellschaft der Freunde der Vereinigten Staaten“ an und wurde Herausgeberin des Organs der Gesellschaft, der zweisprachigen „Hamburg-Amerika-Post“ (ab 1931: „Amerika-Post“) mit dem bezeichnenden Untertitel „A messenger of good will between the United States and Germany“.

Als 1930 die Amerika-Bibliothek im Neuen Rechtshaus, eine Spezialbibliothek für Amerikanisches Recht und Politische Wissenschaft, feierlich eröffnet wurde, oblag deren Leitung Magdalene Schoch. Im ersten Jahresbericht bilanzierte sie 1931, die Hamburgische Universität sei für das Studium des amerikanischen Rechts führend unter den deutschen Universitäten geworden. Zu den vielen parallelen Tätigkeiten kamen Forschungsreisen, umfangreiche Publikationsprojekte und ab 1929 auch eigene Lehrveranstaltungen, vor allem zum englischen und US-amerikanischen Recht. Im Jahre 1932 habilitierte sich Magdalene Schoch als erste Juristin in Deutschland und wurde – nach einstimmigem Votum der Fakultät – Privatdozentin für Internationales Privat- und Prozessrecht, Rechtsvergleichung und Zivilprozessrecht: ein Meilenstein auf dem Weg von Frauen in männerbesetzte Wissenschaft.

Die äußerst diszipliniert arbeitende Wissenschaftlerin verstand sich immer auch als politisch denkender und handelnder Mensch: innerhalb wie außerhalb ihres engeren beruflichen Feldes, in Deutschland wie später in den USA. Ab 1931 amtierte sie als Gründungspräsidentin des ersten deutschen Zonta-Clubs in Hamburg, jenes heute international weit verzweigten Zusammenschlusses berufstätiger Frauen. Im Jahr darauf bemühte sich Magdalene Schoch um die Errichtung einer „Frauenfront“ gegen den Nationalsozialismus; auf einer Großveranstaltung im „Conventgarten“ warnte sie vor der drohenden Diktatur.

Anstand und Zivilcourage bewies Magdalene Schoch auch nach der NS-Machtübernahme. Sie verweigerte den „Hitler-Gruß“ und lehnte die Aufforderung ab, in Veröffentlichungen keine jüdischen Autoren mehr zu nennen. Ihre 1934 als Buch erschienene Habilitationsschrift „Klagbarkeit, Prozeßanspruch und Beweis im Licht des internationalen Rechts“ enthielt eine Widmungsseite für Albrecht Mendelssohn Bartholdy, den 1933 entlassenen und nach England emigrierten Gelehrten. An dessen Beerdigung im November 1936 nahm Magdalene Schoch als einziges Mitglied der inzwischen „Hansischen Universität“ teil – ungeachtet der Drohung von Rektor Adolf Rein, ihre Reise nach Oxford werde eine ernste Gefährdung ihrer Stellung zur Folge haben. Als im Mai 1937 auch ihr angedient wurde, in die NSDAP einzutreten, antwortete sie bald darauf mit ihrem Kündigungsschreiben.

In den USA war der Start ohne finanzielle Rücklagen und konkrete Stellen-Perspektive problematisch und nur mit guten Freunden zu bewältigen. Knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft übernahm Magdalene Schoch eine Tätigkeit als Forschungsassistentin an der Harvard Law School: spärlich bezahlt, aber der Einstieg in ihre zweite juristische Karriere, die sie – unterbrochen von erneuter Arbeitslosigkeit – schließlich dauerhaft nach Washington führte. In verschiedenen Abteilungen des US-Justizministeriums erwarb Magdalene Schoch als Expertin für internationales und ausländisches Recht rasch Renommee; zahlreiche hochkarätige Fälle sind mit ihrem Namen verbunden, 1952 erhielt sie die Zulassung zum Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Dank ihres beruflichen Erfolgs vermochte Magdalene Schoch 1950/51 ihre aus Nachkriegsdeutschland ausgewanderte Schwester und deren vier Kinder aufzunehmen und über weite Strecken zu finanzieren. Noch im hohen Alter war sie als Juristin tätig und als Demokratin engagiert, bis eine Alzheimer-Krankheit jegliche Arbeit ausschloss.

Sehr bewusst war Magdalene Schoch, die 1943 die US-Staatsbürgerschaft angenommen hatte, Amerikanerin geworden. Deutsch sprach sie seit ihrer Einreise nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ; nach Deutschland zu reisen, war ihr auch nach 1945 zunächst kein angenehmer Gedanke. Als sie 1961 aus beruflichen Gründen erstmals die Bundesrepublik besuchte, begann aber eine Folge von Aufenthalten, um Freunde und Verwandte regelmäßig wieder zu sehen. In Hamburg nahm sie 1963 an einer „Intereuropäischen Distriktkonferenz“ des Zonta-Clubs teil.

An Kontakt zur Universität Hamburg war Magdalene Schoch nicht gelegen. Ihren eigenen Aufzeichnungen zufolge war ihr nach 1945 von dort eine Lehrtätigkeit angeboten worden, doch hatte sie keinen Fuß mehr in diese Institution setzen wollen. Ihr Entschluss zur Emigration erwies sich als ein dauerhafter, als Grenzscheide zwischen ihr und all jenen, die auch nach dem „Dritten Reich“ behaupteten, „man“ habe doch gar nicht anders gekonnt als sich dem Regime anzupassen. Magdalene Schochs Kündigung im Jahre 1937 war angesichts der drückenden Verhältnisse keine „freiwillige“ Entscheidung gewesen, aber eine beeindruckend autonome – und eine für die Hamburger Universität in dieser Form singuläre.

Text: Rainer Nicolaysen
erschienen in: yousee 3/2006, S. 40 f.